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FonTimes 3/2017

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TITELSTORY DAS INTERNET

TITELSTORY DAS INTERNET HILFT BEI DER UMSETZ­ UNG NEUER LIEBESVORSTELLUNGEN Jeder Fünfte der 18- bis 69-Jährigen in der Schweiz ist Single. Einige versuchen online ihren Traumpartner zu finden. Doch wie sind die Chancen beim Online-Dating und was macht den Reiz aus? Wir haben mit dem Schweizer Paarpsychologen Dr. Klaus Heer über die digitale Liebe gesprochen. FonTimes: Herr Dr. Heer, Sie sind einer der bekanntesten Paarpsychologen der Schweiz und können auf eine lange Berufserfahrung zurückblicken. Dating-Apps und Dating- Portale gehören heute zur Partnersuche wie Ketchup zu Pommes. Was halten Sie persönlich davon? Klaus Heer: Ich habe damit kein Problem. Bis zur Jahrtausendwende traf man sich beim Joggen, bei der Gemeindeversammlung, beim Kaffeeautomaten im Büro, in den lokalen Zeitungsspalten oder beim Tanzen. Jetzt sind Computer monitore und Keyboards hinzugekommen. Umso besser. FT: Umso besser? Klaus Heer: Das Internet ist eine zusätzliche spielerische Option für eine Partnersuche, die für immer mehr Menschen lebensgeschichtlich wesentlich wird. FT: Ist Dating der neue Volkssport? Klaus Heer: Tja, ganz so lustig, wie es den ersten Anschein macht, ist es nun auch wieder nicht. Dem Unerfahrenen kommt es attraktiv vor, erregt im Meer der unbegrenzten Paarungsmöglichkeiten zu planschen. Für die meisten Leute wird aus dem Schwimmfest aber schnell Schwerarbeit. Es kann emotional anstrengend und zermürbend werden. Manchmal auch demütigend. 66 % DER MÄNNER FINDEN FREUND- LICHE UMGANGS FORMEN ATTRAKTIV, 77 PROZENT DER SCHWEIZERINNEN BE- VORZUGEN EIN GE PFLEGTES AUSSEHEN. FT: Inwiefern? Klaus Heer: Es ist nicht jedermanns Sache in einem enormen, total unübersichtlichen Menschen-Katalog zu blättern. Oder es unbeschadet hinzunehmen, selbst nicht beachtet oder mit einem Klick abgewiesen zu werden. FT: Welcher Typ Mensch meldet sich auf solchen Plattformen an? Klaus Heer: Ganz einfach: Wer einen Partner sucht, in welcher Absicht auch immer, und sich einigermassen im Internet auskennt und eine etwas strapazierbare Haut auf der Seele hat, ist hier richtig. FT: Welchen Einfluss auf Liebe, Partnerschaft und Sex durch Dating-Apps und Dating-Portale konnten Sie in den vergangenen zehn Jahren beobachten? Klaus Heer: Die digitalen Hilfsmittel bei der Partnersuche haben wohl selbst keinen Einfluss auf unser Beziehungsund Liebesleben. Es ist eher umgekehrt: In unseren Köpfen haben wir neue Liebesvorstellungen entwickelt. Um diese Ideen zu realisieren, kommen uns die unbegrenzten Internetmöglichkeiten gerade recht. FT: Lange Zeit wurde der jungen Generation der Spruch „Oversexed, but underfucked“ aufgedrückt. Sie selbst haben bereits darüber berichtet, dass die Jungen heute weniger Sex haben als früher. Stellt die grössere Auswahl über das Internet uns vor die Qual der Wahl? Klaus Heer: Die Jungen haben’s gut: Sie vergnügen sich im Ausgang wie ihre Eltern früher und wenn sie nach Hause kommen, aktivieren sie als Hausaufgabe die Online-Partnersuche. Sehr lustvoll ist das nicht, dieses auf dem Bildschirm Scrollen und Wählen. Aber offenbar effizienter als das Herumhängen in einer schummrigen Bar. Und eigentlich auch spielerischer, risikoärmer. FT: Nochmals: Ist die Wahl aus dem unendlichen Ange - bot nicht auch eine Qual? Klaus Heer: Die Kunden wollen es offenbar so. Ein Riesensortiment suggeriert mehr Erfolgschancen, glaubt man. Der grosse, dicke Katalog entspricht ja auch den feisten Optimierungsideen: Nur der Beste, nur die Schönste ist gut genug für mich. Ich muss nur lange und fleissig genug suchen. FT: Die schier unbegrenzte Auswahl hat auch zur Folge, dass wir mit genauso vielen Mitstreitern konkurrieren müssen. Die perfekte Selbstinszenierung ist da gefragt, 22

F „SEHNSÜCHTE, FANTASIEN UND SPRACHE SIND MÄCHTI- GE BRANDBESCHLEUNIGER FÜR INTIMITÄT.” KLAUS HEER FT: Kommen Paare, die sich online kennengelernt haben, mit anderen Problemen und häufiger zu Ihnen, als Paare, die sich offline gefunden haben? Klaus Heer: Von den meisten Paaren weiss ich nicht, wie sie sich gefunden haben. Es interessiert mich auch überhaupt nicht. Denn der Start einer Liebesgeschichte ist irrelevant für deren Verlauf und Erfolg. Alle Paare haben die gleichen Gelingens-Chancen, alle sind von ihrer Beziehung herausgefordert, meist bis an ihre Grenzen. Egal, welche Umstände sie einst zusammengeführt haben mögen. › um auserwählt zu werden. Macht uns das irgendwann zu narzisstischen Blendern? Klaus Heer: Kaum. Die besten Chancen hat nicht, wer sich auf der Online-Plattform hemmungslos als Konkurrent oder als Narzisst in Szene setzt. Unaufgeregte Authentizität ist in erster Linie gefragt. Wenn sich jemand sprachlich gewandt und gehaltvoll auszudrücken vermag, ohne mit geschwellter Brust aufzutreten, fällt er angenehm auf. Und zwar besonders bei Menschen, die einen Sinn für Feinheiten haben. FT: Die wohl populärste App Tinder hat die Reduktion auf das Oberflächliche bestens perfektioniert. Dort entscheiden die User anhand eines einzigen Fotos und mit einem kurzen Wisch, ob sie jemanden kennenlernen wollen. Wie hat das die Partnersuche verändert? Klaus Heer: Nein, Tinder reduziert die Suche nicht auf das Flache und Triviale. Die App macht sich die Tatsache zu Nutze, dass sich in den ersten Sekundenbruchteilen einer Begegnung blitzartig entscheiden kann, ob die Zwei Feuer fangen füreinander. Möglich allerdings, dass es sich bloss um ein Strohfeuer handelt. Erst später zeigt sich, ob Feuer und Glut daraus wird. FT: Können wir nichtsdestotrotz im Internet die grosse Liebe finden? Klaus Heer: Aber sicher! Wessen Augen und Herz offen sind, kann überall auf die Liebe treffen. Das Internet ist sogar ein besonders aussichtsreicher Ort dafür. Vorsicht ist allerdings geboten bei der Suche nach der „grossen“ Liebe. Je grösser und sehnsuchtsgeladener die Liebesvorstellungen sind, umso höher das Risiko. Man riskiert zunehmend entweder die Liebe gar nicht zu finden oder aber sie nicht wirklich lange halten zu können. 23