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FonTimes 3/2017

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TITELSTORY FT: Wenn man

TITELSTORY FT: Wenn man die Beziehungen der älteren Generation mit denen der Jungen vergleicht, hat man das Gefühl, dass um diese nicht mehr gekämpft, sondern beim kleinsten Pro blem direkt die Flucht ergriffen wird. Ist das auf unsere vernetzte Welt zurückzuführen, die einen Partnerwechsel so unkompliziert macht wie das Wechseln der Unterwäsche? Klaus Heer: Jetzt übertreiben Sie! Die Unterhosen wechselt man heute jeden Tag, bitte. Lassen Sie uns unterscheiden: In jungen Jahren tut man sich mit einem Partner zusammen, nicht weil man Heiraten im Kopf hat. Da ist die Liebe viel eher Spiel, Versuch und Irrtum, Erfahrungen machen mit Zweisamkeit. Trennung fällt dabei vergleichsweise leicht. Das haben die 68er zum ersten Mal richtig durchexerziert. Ein evolutionärer Schritt in die richtige Richtung, bin ich versucht zu sagen. FT: Und was kommt nach dem Spiel? Klaus Heer: Wenn die Frauen in die Nähe ihrer Fruchtbarkeitsgrenze kommen, also gegen 40, wird Ernst aus dem Spiel. Für sie und für deren Männer erst recht. Mir fällt auf, dass bei vielen relativ jungen Männern scheinbar die Bindungswilligkeit abnimmt. Aber das täuscht. In Wahrheit haben sie Angst. Sie fürchten sich zu binden für immer und ewig. Das ist weiss Gott verständlich. Umso verständlicher, als viele von ihnen Scheidungskinder sind. FT: Wie meinen Sie das? Klaus Heer: Die Scheidungsraten haben ja in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts mächtig zugelegt. Wer aus einer Scheidungsehe kommt, möchte natürlich unter allen Umständen vermeiden, dass sich dieses Debakel in der eigenen Liebe wiederholt. Darum das lange Zögern und daher auch die extrem hohen Ansprüche an die Beziehungsqualität – was paradoxerweise wieder zu mehr Scheitern führt. FT: Wird die traditionelle Partnerschaft – und vielleicht sogar Familie – so auf lange Sicht zum Auslauf-Modell? Klaus Heer: Das kann man nicht ganz ausschliessen. Aber zwei-, dreihundert Jahre müssen wir uns wohl noch gedulden, bis es soweit ist. Idealvorstellungen, romantische Ideen 33 % DER SCHWEIZER SIND SINGLE und schöne Fantasien sind manchmal zählebiger als man erwarten würde, und langlebiger als die Realität. Besonders wenn keine lebbaren Alternativen in Sicht sind. Monogamie hat nun nicht wirklich einen erfrischenden Klang, klingt zu deutlich nach Monotonie. Aber man tut gut daran, auch anderen Liebesmodellen zu misstrauen. Sie alle haben ihre tückischen Haken: Das Konkubinat ebenso wie die offene, die wilde Ehe, die Ehe light und die Ehe auf Zeit, der französische Pacs und erst recht die Polyamorie. Experimentieren ja, aber nur wenn man das blaue Auge nicht scheut. Oder noch einschneidendere Blessuren. FT: Erhöht die Möglichkeit, im Internet einen besseren Partner zu finden, den Druck auf bestehende Partnerschaften? Klaus Heer: Das Internet ist ein gigantischer Rummelplatz. Da gibt es auch unfassbar viele Angebote von paarungswilligen Leuten. Sicher sind da irgendwo Menschen, die „besser“ wären als mein aktueller Partner, oder „beziehungsfähi ger“ als meine Ex. Ziemlich sicher gibt’s da sogar den Menschen, der „für mich bestimmt“ ist. Wenn man sich auf diese Gedanken einlässt, stellt man mit der Zeit fest, wie quälend sie sind. Sie üben nämlich grossen Druck aus, nicht so sehr auf die bestehende Beziehung, sondern auf mich, der ich mich von den Rummelplatz-Fantasien tyrannisieren lasse. 24

F FT: Wie funktioniert die Tyrannei? Klaus Heer: Sie verleitet zum ewigen Herumsuchen, Surfen, Träumen. Zum dauernden Abwägen, Einschätzen, Evaluieren. Wie bei jeder Sucht ist Aufhören hart. Selbst wenn man bereits gefunden hat, also zu zweit lebt, kann man’s nur schwer lassen. Über 40 Prozent aller Tinder-Aktivisten sind in Wirklichkeit bereits liiert. FT: Wir haben in der vergangenen Ausgabe über „Phubbing“ berichtet. Wird dies in Zukunft zu einem der grössten Beziehungskiller? Klaus Heer: „Phubbing“ ist ja ein neues Kofferwort, zusammengefügt aus „Phone“ und „to snub“, also „mit dem Handy brüskieren“. Phubbing gilt heute als die verbreitetste beziehungsinterne Ungehobeltheit überhaupt. Wirklich neu ist dieses Einander-vor-den-Kopf-Stossen aber nicht. Seit eh und je gibt es jede Menge anderer, analoger Möglichkeiten, sich zu missachten: Die Zeitung vor dem Gesicht, das Schnarchen im TV-Sessel, keine Zeit füreinander, im Restaurant penetrant andere Frauen fixieren und so weiter. Das sind effiziente Beziehungskiller, wie heute das Smartphone. Sie alle werden ihre unselige Wirkung entfalten, bis die Betroffenen sich entschieden zur Wehr setzen und rudimentäre Anstandsregeln in den eigenen vier Wänden aushandeln und durchsetzen. FT: Der Zugang zum mobilen Internet hat viele Lebensbereiche vereinfacht. Gibt es auch Bereiche in der Partnerschaft, die dank Smartphone, Internet und Co. einfacher geworden sind? Klaus Heer: Die grosse Stärke des Smartphones liegt in der Organisation. Die private Planung lässt sich elektronisch deutlich vereinfachen, sogar die Spontaneität bekommt einen Platz, der anders nicht möglich wäre. Ganz besonders, wenn Kinder da sind. Was mich aber immer wieder erstaunt: Fast alle Paare lassen sehr früh in ihrer Geschichte ein Juwel fallen, das sie ganz am Anfang sorgsam und mit grossem Aufwand gepflegt hatten. Sie nutzen die Kontaktmöglichkeiten tatsächlich nur noch für trockene logistische Zwecke. Liebevolle, poetische oder erotische SMS gibt’s keine mehr. Höchstens wenn einer von beiden dabei ist, eine neue Liebschaft ausserhalb anzubahnen. FT: Viele Dating-Portale kosten Geld und werben damit auf Basis wissenschaftlich geprüfter Fragebögen den perfekten Partner für den Suchenden zu finden. Ist das alles nur Kommerz oder steckt da etwas dahinter? 61 % DER FRAUEN EMPFINDEN EINEN FLIRT IM INTERNET NICHT ALS FREMDGEHEN, 62 PROZENT DER MÄNNER DAGEGEN SCHON. Klaus Heer: Zweierlei steckt dahinter: ein überzeugendes Geschäftsmodell der Anbieter und die leichtgläubige Bedürftigkeit ihrer Kunden. „Wissenschaftlich geprüft“ sind ja auch die Wässerchen, die angeblich Glatzenbildung verhindern. Wer’s glaubt, wird selig. Entweder zu zweit oder mit dichtem Haarschopf. FT: Unterscheiden sich diese Portale von den kostenlosen Portalen und Apps massgeblich? Klaus Heer: Nicht wirklich und wesentlich. Die kostenpflichtigen Portale enthalten etwas mehr Infos ihrer Kunden. Sie sind vielleicht ein wenig benutzerfreundlicher. Und die zahlenden User könnten eventuell eine wirtschaftlichattraktivere Population darstellen. Aber vor Lug und Trug ist man hier auch nicht sicher. FT: Wird Fremdgehern im digitalen Zeitalter das Leben einfacher gemacht? Klaus Heer: Ja, extrem viel leichter. Noch nie in der Menschheitsgeschichte war es so simpel auf Untreue-Abwege zu kommen. Zwei, drei Klicks genügen, um innert Stunden in fremden Laken eine Punktlandung hinzulegen. Und zwar auf einer Matratze sowohl von professionellen Sex-Anbietern als auch von anderen kopulationswilligen Leuten. Man darf aber nicht vergessen, dass mit der digitalen Aufrüstung im Bereich Untreue auch die Fahndung der eifersüchtigen Partner mächtig perfektioniert worden ist. Heute kommen sicher viel mehr Untreuefälle ans Licht als noch vor zwanzig Jahren. Das Handy und der Computer entlarven fast alle Fremdgänger. FT: Verleitet das auch mehr zum Stalking light? Klaus Heer: Klar. Man kann sich wohl kaum vorstellen, in welchem Ausmass und mit welch raffinierten digitalen Mitteln Menschen heutzutage einander nachstellen. Sei es, weil sie misstrauisch, ängstlich, bösartig oder sadistisch sind. Oder sei es, weil sie voneinander abhängig sind und einander nicht loslassen können oder wollen. Jedes gewöhnliche › 25