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FonTimes 3/2017

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TITELSTORY neue iPhone

TITELSTORY neue iPhone ist ausgerüstet, in jedem Moment zu melden, wo genau der andere ist. Es gibt aber noch sehr viel aus - ge fei ltere Technologien, um sich einem Partner an die Fersen zu heften und alle wünschbaren Daten von ihm abzu zapfen. FT: Für Menschen mit individuellen Bedürfnissen und Vorlieben dürfte die Digitalisierung ein wahrer Segen sein. Es gibt Portale für Alleinerziehende, für Menschen mit Behinderungen, für bestimmte Fetischisten – die Liste lässt sich unendlich fortsetzen. Können diese Menschen ein erfüllteres Liebesleben als früher führen? Klaus Heer: Nein, natürlich nicht. Jedes Paar ist seines ei genen Glückes schaffiger Schmied. Liebesglück hängt nicht vom Liebesstart ab. Aber die Startchancen sind heute ra dikal demokratisiert: Das Internet gibt jedem die Möglichkeit, seinesgleichen zu suchen und auch zu finden. Keine Einzigartigkeit bleibt allein, irgendwo gibt es ein Pendant. Google macht’s möglich, dass eine Verbindung zustande kommt. Ob sie dann auch auf Dauer glückt, ist völlig offen. FT: Viele Online-Dater schreiben sich wochenlang Nachrichten und entwickeln manchmal schon Ge - fühle, bevor es zum ersten Treffen kommt. 90 % DER FRAUEN FINDEN GUTE MANIEREN BEI EINEM NEUEN PARTNER AM WICHTIGSTEN, 85 PROZENT DER MÄNNER SCHÄTZEN HARMONIE Aber nicht nur Worte, sondern auch Gestik und Mimik sind für die Verbindung zwischen zwei Menschen essenziell. Kann im Internet Inti mität entstehen? Klaus Heer: Und wie! Sehnsüchte, Fantasien und Sprache sind mächtige Brandbeschleuniger für Intimität. Der Hunger nach emotionaler Nähe lässt Liebesglut entstehen, wenn es einem werdenden Paar gelingt, die Zauberworte zu treffen, immer wieder und beiderseitig. Ganz unproblematisch ist das allerdings nicht. Sollte die Hitze nicht durch die Realität gekühlt werden, droht die Kernschmelze. Die meisten Paare machen denn auch genau das Richtige: sie drängen darauf, sich nach ein paar Tagen oder Wochen real zu sehen. FT: Achten Singles, vor allem jüngere, im realen Leben noch auf potenzielle Partner, z. B. an der Supermarktkasse? Klaus Heer: Ja, klar! Es stimmt sicher nicht, dass Leute, die im Internet nach einem Partner suchen, eine rechteckige Pupille bekommen. Wer auf der Suche ist, hat seine Peil- Antenne ausgefahren, ob auf dem Monitor oder in der freien Natur. FT: Welche Vor- und Nachteile hat die vermeintliche Anonymität im Netz bei der Partnersuche? Klaus Heer: Das Internet gibt auch den Scheuen und Eingeschüchterten eine Chance auf dem Paarungsmarkt. Auch allen, die nicht ganz marktgerecht ausgestattet sind in Sachen Jugendlichkeit und Schönheit. Wer dafür sprachlich begabt und sorgfältig ist, hat im Netz vergleichsweise gute Karten. Natürlich gibt man auf diese Weise viel preis und ist damit nicht mehr anonym, jedenfalls für ein konkretes Gegenüber. FT: Es steigt aber gleichzeitig auch die Fake-Gefahr. Klaus Heer: Es gibt tatsächlich im Netz gerissene Individuen, die treuherzige Leute kalt verschaukeln. Entweder geben sie sich als jemand aus, der sie nicht sind – zum Beispiel sehr gern als Angehöriger des anderen Geschlechts. Oder sie legen sie mit perverser oder krimineller Energie herein, indem sie ihr Vertrauen zu gewinnen versuchen. Und dann nehmen sie sie aus. Es ist also unerlässlich, mindestens eine Hirnwindung für gesundes Misstrauen zu reservieren. Auch wenn man schon schlimm verliebt ist. 26

F FT: Welche Aspekte sind wichtig, damit die Partnerschaft auch nach dem Dating Bestand hat? Können diese schon bei der Suche berücksichtigt werden? Klaus Heer: Übel ist, wenn man erst nach fast einem Jahr herausfindet, dass der fesche Kerl verheiratet und knietief verschuldet ist. Natürlich lernt man einander mit der Zeit etwas kennen, beim Chatten, am Telefon oder dann von Angesicht zu Angesicht. Die gröbste Angeberei wird man vielleicht noch identifizieren können. Aber bei der Online-Partnersuche fehlt fast immer der Kontext des anderen. Man bekommt nur wenig mit von seinem persönlichen und beruflichen Umfeld. Weil alles auf das Emotionale, die aufregende Entdeckung verengt ist. Also nochmal: Wache Vorsicht beugt einer traumatisierenden Geschichte vor. FT: Aber riskiert man durch zu viel Vorsicht nicht auch, einen potenziellen und ehrlichen Partner vor den Kopf zu stossen, indem man sich selbst lange zurückhält und Gefühle nur spärlich zulässt? Klaus Heer: Annäherung ist im Netz genau wie in der gewöhnlichen Realität ein subtiler Vorgang, nicht absehbar, geheimnisvoll sogar. Das macht auch den gewagten Charme des Näherkommens aus. Wenn das nicht von beiden Seiten ausgeht, kann es wirklich schwierig werden. Darum ist es unabdingbar, dass die Zwei von Anfang an ehrlich sind zueinander. FT: Wie kann man das Vertrauen der Person gewinnen, die schon schlechte Erfahrungen beim Online-Dating gemacht hat? Klaus Heer: Das traumatisierte Gegenüber muss Gelegenheit bekommen, über seine miesen Erlebnisse zu berichten. Hier gilt der alte kommunikative Grundsatz: Störungen haben Vorrang. Sie müssen sowohl geäussert als auch gehört werden. Vertrauen gewinnt man, wenn man fähig ist, Unangenehmes und Schmerzliches mit Empathie zu hören und auf billigen Trost und wohlfeile Ratschläge zu verzichten. FT: Zu guter Letzt: Was kann man tun, damit die Partnersuche keine leidige und deprimierende, sondern eine aufregende sowie schöne Erfahrung wird? Klaus Heer: Das Wichtigste ist, dass man seine Erwartungen im Zaum hält. Das heisst zuallererst: Ich rechne damit, dass meine Suche leidig und deprimierend sein kann. Und ich bin geduldig. Fündig zu werden braucht möglicherweise viel Zeit, viel Frustrationstoleranz und viel unbeirrbare Zuversicht. Ohne eine Minimaldosis Humor schafft man es wohl nicht. DR. KLAUS HEER Der geborene Luzerner promovierte 1973 in Psychotherapie (Gestalt) sowie in Paar- und Fami lien therapie. Ein Jahr später eröffnete Klaus Heer seine Praxis für Paartherapie in Bern. Später kamen weitere Ausbildungselemente dazu, vor allem in systemischer, lösungsorientierter Richtung. Schon während seiner Ausbildung zum Psycho logen arbeitete er beim Schweizer Radio DRS. Dort war er bis 1992 unter anderem für die Sen dun gen „Sind Sie sinnlich?“ und „Ehe-Sexualität“ ver antwort lich. Er war auch schon für einige andere Medien tätig. Sein erstes Buch „Ehe, Sex & Liebesmüh“ erschien 1995 im scalo Verlag. Zuletzt ist im Herbst 2009 das Interview buch von Barbara Lukesch erschienen: „Klaus Heer, was ist guter Sex?“ im Wörterseh Verlag Zürich. ›› www.klausheer.com „Klaus Heer, was ist guter Sex?“ Verlag: Wörterseh Gockhausen 200 Seiten, gebundene Ausgabe ISBN: 978-3-03763-010-5, 32.90 CHF 27