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FonTimes 4/2017

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TITELSTORY BITTE HÖRT

TITELSTORY BITTE HÖRT NICHT AUF ZU ESSEN Ein Gramm zu viel hier, eine Körbchengrösse zu wenig da – nie haben wir uns mehr mit dem Bild des idealen Körpers auseinandergesetzt als heute. Und nie haben wir mehr gegen dieses vermeintliche Bild rebelliert. Body Shaming und Body Love – zwei Lager, die im echten Leben und in den sozialen Medien einen e rbitterten Kampf zu führen scheinen. Und mittendrin stecken die Werbe-Industrie und zahlreiche Tuning-Apps, Filter und Co. Die Dokumentation „Embrace“ (englisch für „Umarmung“) will dem Ganzen ein Ende setzen und bezieht klar Stellung für das Lager der Selbstliebe. Der Kosmetikhersteller Dove war sicher einer der ersten, der gezeigt hat, wie in der Werbebranche getrickst wird. Der Spot „Evolution“ aus dem Jahr 2006 zeigte, wie aus einer normalen Frau mittels Grafikprogramm ein Model wurde – ein bisschen Fett weg hier, ein bisschen Augen vergrössern da, fertig war das Werbeplakat mit einer Frau, die mit der ursprünglichen Person nur noch wenig gemein hatte. Doch genau diese Werbebilder sind es, mit denen wir uns tagtäglich vergleichen. Die uns sagen, was schön ist. Eine Computeranimation zeigt das erstrebenswerte Ziel. Aber im wahren Leben gibt es kein Photoshop-Programm, welches uns optimiert. Grund für die Kampagne damals war eine Umfrage des Herstellers. Das Ergebnis war erschreckend: Nur zwei Prozent der befragten Frauen würden sich als schön bezeichnen. Dabei ist es eigentlich ganz einfach, die eigene Schönheit zu sehen: Man muss sich bewusst dafür entscheiden. Das fällt den meisten jedoch schwer, da sie tagtäglich umringt sind von perfekt retuschierten Werbebildern und gepimpten Social Media-Kanälen. Das hat auch Spuren in der Gesellschaft hinterlassen und mündet schliesslich im Body Shaming. Übersetzt bedeutet dies, wenn wir nicht in die gesellschaftlich anerkannten Ideale passen, müssen wir uns Kritik von aussen anhören. Und genau diesem Thema hat sich der Film „Embrace“ angenommen. Damit unterstützen die Macher klar die Anhänger der Gegenbewegung – Body Love oder auch Body Positvity, die sich für mehr Selbstliebe einsetzen. Wie weit die gesellschaftliche Kritik gehen kann, zeigt im Film das Beispiel der Fotografin Jade Beall, die Mütter vor und nach der Geburt fotografiert hat. Da ist halt nicht mehr alles straff und knackig. Eine Schwangerschaft ist für jeden Körper eine Herausforderung und die hinterlässt Spuren. Dennoch müssen sich diese Frauen Kritik anhören, wenn sie zwei Monate nach der Entbindung noch nicht aussehen wie Heidi Klum. Teilweise ist in den Kommentaren von „eklig“ und „Gruselkabinett“ die Rede. So begann auch Taryn Brumfitts Geschichte. Sie gebar drei Kinder und wurde immer unzufriedener mit ihrem Körper. Sie trainierte hart, achtete auf ihre Ernährung und nahm schliesslich an einem Body Building-Wettbewerb teil. Sie hatte den vermeintlich perfekten Bikini-Body und all die anderen Teilnehmerinnen auch. Trotzdem hörte sie von diesen Frauen Sätze wie: „Mein Hintern ist nicht prall genug. 26

Und hier habe ich eine unschöne Speckfalte.“ Da dachte sich die Fotografin: „Wenn diese Frauen schon unglücklich sind, die so hart an dem Körper gearbeitet haben, wie sollen sich dann alle anderen Frauen jemals wohlfühlen?“. Hinzu kam, dass die Arbeit am „perfekten Körper“ Zeit und Energie gekostet hat. Zeit, die sie nicht mit ihrer Familie verbringen konnte und Energie, die im täglichen Leben fehlte. Das machte sie noch unzufriedener als zuvor. Das sollte so nicht sein: „Da sagte ich mir, mein Körper ist ein Gefährte und kein Monument. Ich möchte ihn bewegen und gesund leben, aber auf meine Art.“ Hinzu kamen die Schuldgefühle ihrer Tochter gegenüber. Sie wollte ein Vorbild sein und zeigen, dass man den Körper so lieben kann, wie er ist. Zwei Gesichter, eine Frau: Das Beispiel von Dove zeigt, wie in der Werbebranche getrickst wird. Als sie mit den Diäten und dem exzessiven Sport aufhörte, kamen natürlich wieder ein paar Kilo dazu. Dennoch: „Das Diät-Buch wegzuschmeissen war das befriedigendste Gefühl in meinem Leben.“ So entstand ihr Vorher-Nachher-Foto, das sich rasend schnell im Netz verbreitete und sie dazu veranlasste, das Crowdfunding-Projekt zur jetzt erschienenen Dokumentation „Embrace“ anzustossen. Das Foto zeigt die Fotografin Brumfitt vorher beim Wettbewerb im Bikini und danach, als sie wieder anfing ihr Leben zu leben, wie es ihr in den Kram passte – mit zwei Kleidergrössen mehr. Trotzdem wirkt sie auf dem zweiten Bild glücklicher. › Dehnungsstreifen und Speckröllchen – auch Models haben nicht den perfekten Körper. Asos zeigt jetzt die unretuschierte Wahrheit. 27