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FonTimes_7/2017

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TITELSTORY WIR MÜSSEN

TITELSTORY WIR MÜSSEN MIT SELBSTBEWUSSTSEIN AUF DER WELTBÜHNE AUFTRETEN Der ehemalige Diplomat und heutige Unternehmens berater Dr. Thomas Borer kennt die Schweizer Wirtschaft wie kaum ein Anderer. Wir sprachen mit ihm über die finanzielle Lage und die Zukunft der Schweiz. Fest steht für ihn: Es müssen Reformen her, um auch in Zukunft eine Weltmacht zu bleiben. FonTimes: Im Vergleich zum restlichen Europa liegt die Schweiz laut OECD mit der Altersarmut an der Spitze. Können Sie diesen Eindruck bestätigen? Dr. Thomas Borer: Nein, diesen Eindruck kann ich nicht bestätigen. Durch unseren demografischen Wandel stehen unsere erste und zweite Säule natürlich vor einer grossen Herausforderung. Damit sind wir in Europa nicht alleine. Die OECD-Studie kritisiert unter anderem die stark zunehmende Ungleichheit in der Schweiz im Einkommen. Aber Transferzahlungen werden beispielsweise in der Studie nicht berücksichtigt, was meines Erachtens zu einer Verzerrung führt, gerade in der Schweiz. Wir haben laut den Studien des BAK und des WWZ eine sinkende Ungleichheit seit 2008, mit einer leichten Aufwärtstendenz seit 2012. Ebenfalls hat Monika Engler in ihren Untersuchungen zur Umverteilung aufgezeigt, dass die Pre- und Post-Steuereinkommen in der Schweiz durch die Umverteilung des Staates stark positiv beeinflusst werden. Vor allem wenn man das Lebenseinkommen betrachtet, ist die Umverteilung des Staates sehr effektiv und sorgt dafür, dass bei Pensionären das Post-Steuereinkommen grösser ist als das Pre-Steuereinkommen und die Einkommensgerechtigkeit zunimmt. Dies ist natürlich auf die Transferzahlungen und das Wegfallen der Einkommenssteuern zurückzuführen. Auch Avenir Suisse kommt zum Schluss, dass die Me dia neinkommen von Jahr zu Jahr real gestiegen sind, auch bei den Rentnern. Es ist jedoch so, dass zukünftige Generationen mit dem heute erkennbaren Trend zu kämpfen haben werden und wir die Rentenlücke schliessen müssen. Ich hoffe, wir schaffen das mit einer AHV- und Pensionskassen-Reform an der Urne. FT: Wie wird sich das Rentenniveau weiterentwickeln, wenn immer weniger Erwerbstätige auf einen Rentner kommen und die Lebenserwartung weiter steigt? Dr. Thomas Borer: Ohne Reformen lässt sich das jetzige Niveau nicht mehr halten. Klar ist, dass wir an den verschiedenen Parametern schrauben müssen, um unser System nachhaltig zu finanzieren. Bei steigender Lebenserwartung wird das Rentenalter ebenfalls steigen müssen. Daran führt einfach kein Weg vorbei. Zu diesem Zweck muss auch der Arbeitsmarkt und das Steuersystem angepasst werden. Zum Beispiel muss der Staat mit Steueranreizen die Mitarbeiter, aber auch das Unternehmen dazu motivieren, länger zu arbeiten bzw. ältere Mitarbeiter länger zu behalten. Natürlich ist dies nicht die einzige Massnahme, um unser Rentenniveau zu halten. Ein Autopilot, gekoppelt an eine Schuldenbremse, wie sie beispielsweise von Schaltegger und Feld vorgeschlagen wurde, wäre ein Weg, um die Diskussion zu entpolarisieren. FT: Wie muss sich die Schweizer Wirtschaft entwickeln, dass auch im Rahmen der Digitalisierung genügend Arbeitsplätze geschaffen werden können? Dr. Thomas Borer: Die Digitalisierung wird Arbeitsplätze schaffen, die wir heute noch gar nicht kennen. Wer konnte vor der Erfindung des Autos erwarten, dass die Fabriken und Werkstätten Millionen neuer Arbeitsstellen schaffen würden? Wie sich die Schweizer Wirtschaft entwickeln muss, kann man daher nicht voraussagen. Wir dürfen der Wirtschaft keine Steine in den Weg legen und müssen Innovation fördern und zulassen. Klar ist, dass sich keine Branche der Digitalisierung entziehen kann. Jeder muss sich anpassen und gewappnet sein, denn es wird nicht nur Bewährtes zerstört, sondern es werden auch neue Geschäftsfelder erschlossen. › 22

F „DIE HERAUSFORDERUNG WIRD SEIN, DASS DIE VERLIERER NEUE PERSPEKTIVEN GEWINNEN.” DR. THOMAS BORER 23