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FonTimes_7/2017

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TITELSTORY Etwas mehr

TITELSTORY Etwas mehr Zufriedenheit mit dem Erreichten wäre sicher angebracht. In finanzieller Hinsicht rate ich zum Sparen und klugen Anlegen, vor allen in Aktien, Immobilien und Private Equity. Wer dafür nicht das notwendige Know-how hat, sollte Hilfe bei Banken, Vermögensverwaltern und Versicherungen suchen. Auf die staatliche Altersvorsorge würde ich mich nur noch beschränkt verlassen. FT: Sie sagten kürzlich in einem Interview die EU stecke in einer tiefen Krise. Welche Auswirkungen hat die Lage der Nachbarstaaten auf die Schweiz? Dr. Thomas Borer: Die EU ist unser wichtigster Handelspartner. Die Schweiz hat deshalb ein starkes Interesse an einer stabilen, gut funktionierenden EU. Die Herausforderungen, wie bereits erwähnt, betreffen auch die Schweiz. Die vermehrten Autonomiebegehren innerhalb der EU zeichnen eine Stärkung des intergouvernmentalen Charakters innerhalb der EU ab. Es dürfte also erstmals seit 2009 wieder Schluss sein mit einer voranschreitenden Supranationalisierung. Herr Juncker hat dies ja mit einem der Vorschläge im neuesten Weissbuch mit der Variante „Europa der zwei Geschwindigkeiten“ dargelegt. Es wird nicht mehr ein Europa sein, sondern ganz viel verschiedene Europa mit verschiedenen Initiativen. Start-ups sind in der Schweiz rar gesät. Die Politik macht es Neugründern schwer. Die Schweiz kann der EU in vielen Bereichen als Vorbild dienen. Mehr Subsidiarität, mehr Föderalismus und die Achtung der nationalen und sogar subnationalen Identitäten sind meiner Meinung nach essenziell für die jetzige Situation in Europa. FT: Kommt für die Schweiz jemals eine Mitgliedschaft in der EU in Frage? Welche Vor- und Nachteile brächte diese mit sich? Dr. Thomas Borer: Diese Frage kann man nie abschliessend beantworten. Sie hängt immer von den konkreten Umständen, der Entwicklung der Schweiz und der EU ab. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt sind unsere Interessen sicherlich durch den bilateralen Weg besser gewahrt als durch einen Beitritt zur EU. Wie das aber in zehn oder zwanzig Jahren aussehen wird, kann ich nicht voraussagen. Gegenwärtig ist die Schweiz in einiger Hinsicht die Antithese zu den vorherrschenden Meinungen, dass sich globale Probleme durch eine Supranationalisierung und Zentralisierung besser lösen lassen. Die Position der Schweiz unter den zehn wettbewerbsfähigsten Ländern der Welt zeigt dies eindrücklich. Neun von diesen zehn Staaten sind Kleinst- oder Kleinstaaten. FT: Sie sind der Meinung, ein starker Franken ist ein Wachstumsmotor. Können Sie das genauer erklären? Dr. Thomas Borer: Der starke Franken ist eine Produktivitätspeitsche. Die Schweizer Unternehmen sind auch wett bewerbsfähig, auf dem modernsten technologischen Stand, kreativ und innovativ, weil sie währungstechnisch immer wieder unter Druck sind. Das ist zwar sehr schmerzhaft – aber wegen der Schwäche anderer Währungen nicht zu vermeiden. Der starke Franken wird den Strukturwandel beschleunigen und er wird ein Abbild der relativen wirtschaftlichen Stärke des Landes bleiben. Ein starkes Land hat eben eine starke Währung. FT: Aus Berichten und Reden lässt sich herauslesen, dass Sie immer wieder von der Arbeit der Politik enttäuscht sind. Sie selbst waren jahrelang politisch tätig und stehen noch heute als Berater zur Seite. Was macht die Politik Ihrer Meinung nach falsch? Dr. Thomas Borer: Auch wir haben einen Reformstau. Wir sind im Ranking „ease of doing business“ und „time to start a business“ auf Platz 31, respektive 56 abgerutscht. Wir haben zu wenig neue, junge Unternehmer welche den Mut haben ein Unternehmen zu gründen. 26

F Dies liegt mitunter an den rechtlichen Hürden und der politischen Demotivation irgendetwas daran zu ändern. Wir hätten mit unseren Hochschulen die perfekte Ausgangslage, um in diesem Bereich noch viel stärker zu werden. Jedoch bräuchte es für dies politischen Willen. Zudem macht mir das Ansteigen der Staatsquote grosse Sorgen. Auf allen Ebenen wuchert der Staat, wird immer grösser und verschlingt immer mehr Geld. Die Obergrenze ist erreicht und sollte nun verfassungsmässig verankert werden. FT: Was war die wichtigste Lehre aus Ihrer Zeit als Botschafter? Dr. Thomas Borer: Wie wichtig für ein Land wie die Schweiz eine aktive Diplomatie ist. Wir müssen tagtäglich im Ausland an der Wahrung unserer Interessen, an unserer Reputation, am Aufbau eines „Goodwill Reservoirs“ arbeiten. Dafür braucht unsere Aussenpolitik genügen Mittel und genügend Diplomaten. Hier zu sparen ist ein grosser Fehler. FT: Wie beurteilen Sie heute die Rolle der Schweiz nach Ihrer Arbeit für die „Task Force Schweiz – Zweiter Weltkrieg“ in der Geschichte und in der Zukunft? Dr. Thomas Borer: Die Schweiz war sehr häufig gegenläufig zu den Zeittrends und hat sich trotzdem mit innovativen Lösungen durchgesetzt. Ich denke hier beispielsweise an den Liberalismus und unsere Demokratie, welche im 19. Jahrhundert von den alten Aristokratien mit Verachtung begegnet wurden. Druck von aussen auf uns hat Tradition. Dies wird sich auch in der Zukunft nicht verändern. Die Schweiz kann diesen Herausforderungen selbstbewusst entgegentreten. Die Schweiz bewies immer wieder, dass es Alternativen zur vorherrschenden Meinung zu Staatsform und Staatsaufgaben gab. FT: Warum darf sich die Schweiz nicht länger hinter der Ausrede verstecken, dass sie ein Kleinstaat ist? Dr. Thomas Borer: Ganz einfach: Weil wir gemessen an unserer Leistung und wirtschaftlichen Kraft kein Kleinstaat sind. Messen wir die Grösse der Schweiz beispielsweise an der Marktkapitalisierung der Börsennotierten Unternehmungen, an unserer Finanzkraft, an unserem Bruttosozialprodukt und an unserer Innovationskraft, sind wir international ein Schwergewicht. Wir gehören unter die 20 mächtigsten Länder der Welt. All dies sollte Anlass sein mit Selbstbewusstsein auf der Weltbühne aufzutreten, unsere Interessen zu verteidigen und als lösungsorientierter Ideengeber zu fungieren. DR. THOMAS BORER Der gebürtige Basler Dr. Thomas Borer studierte Jura an der Universität Basel. Danach war er lange in der Privatwirtschaft als juristischer und An lageberater tätig. 1987 trat er als Diplomat ins Eid ge - nössische Departement für auswärtige Ange legenheiten (EDA) ein. Nach Einsätzen in Bern, Lagos und Genf wurde er 1993 an die Botschaft in Washing ton als Zuständiger für Rechts- und politische Fragen versetzt. Ende 1994 wurde er vom Schweizerischen Bundesrat zum Stellvertretenden Generalsekretär des EDA gewählt. In dieser Funktion war er in der Zentrale als Chef Ressourcen insbesondere für die Leitung der Abteilungen Personal, Telematik, Logistik, Finan zen und Verwaltungsrecht sowie für die Re - organisation des EDA und des schweizerischen Vertretungsnetzes im Ausland verantwortlich. 1996 wurde er vom Schweizerischen Bundesrat zum Chef der „Task Force Schweiz – Zweiter Weltkrieg“ ernannt, die sich mit der Rolle der Schweiz als Finanzplatz zur Zeit der Naziherrschaft befasste. Aus diesem Anlass wurde Dr. Thomas Borer der Bot - schaftertitel verliehen. Am 31. 03. 1999 wurde die Task Force vom Bundesrat aufgelöst und Dr. Borer zum Schweizerischen Botschafter in der Bundesrepublik Deutschland ernannt. Ende April 2002 hat er den Staatsdienst verlassen und sein eigenes Unternehmen gegründet, das er seither erfolgreich führt. Als Berater kümmert er sich weltweit um verschiedene Unternehmen. 27